Elisabeth Simon

           E-Mail 

                   oder

                  Flaschenpost

            Bilder von 

       Lena Ellermann

 

Anton hat endlich eine eigene E-Mail-Adresse: anton-orlow@gmx.net. Nun kann er ganz allein Mails verschicken. Er wird dem Opa schreiben, wenn er Hilfe braucht mit seinem Modellschiff. Er kann auch mit seinen Schul-

kameraden Mails austauschen und nach den Hausaufgaben fragen. Die meisten haben schon eine Mail-Adresse. Aber ganz besonders wichtig ist es Anton, dass er sich endlich mit Boris

unterhalten kann so oft er will und wann er will. Boris ist sein Cousin und der lebt in Kanada. Das ist so weit weg, dass man auch nicht dauernd telefonieren kann. Die erste Mail für Boris hat er sofort abgeschickt. Vor zwei Jahren ist Boris mit seinen Eltern nach Kanada ausgewandert. Das war schlimm für Anton, denn Boris und Anton sind die besten Freunde.

Mit seinem besten Freund muss man einfach jeden Tag einmal reden. Wie gut, dass es E-Mails gibt! Anton denkt schon am Morgen daran, was er Boris schreiben wird, wenn er von der Schule zurück ist. Auf dem Schulweg beobachtet er alles, weil es vielleicht spannend sein könnte für Boris in Kanada. Früher gingen sie diesen Weg jeden Morgen zusammen. Ob es Boris interessiert, dass in dem alten Fahrradladen nun ein Friseur eingezogen ist? Was Boris wohl sagen würde, wenn er heute erlebt hätte, wie der Ümit an der Tafel rote Ohren bekommen hat wegen der Rechenaufgaben. Dabei kann der doch sonst so gut rechnen!

Als Anton nach Hause kommt, ist Post für ihn da; elektronische Post in seinem Mail-Postfach. Von Boris, wau! „Hey, Anton! How are you, old boy?“ Soviel Englisch kann Anton schon. Das bedeutet: Wie geht es

dir alter Junge? Boris

musste in Kanada ganz schnell Englisch lernen

und kann das jetzt prima.

„Du glaubst nicht, was ich heute gehört habe!“, schreibt Boris. „Ich bin doch immer auf der Suche nach komischen Geschichten für dich. Und da hat uns Papa heute Morgen aus der Zeitung das hier vorgelesen. Typen gibt es hier! Ich habe Mama gefragt, ob sie die Geschichte für dich übersetzt, denn das ist ein bisschen zu viel für mich.

Und hier ist sie: Harold H. lebt auf einer kleinen Insel ganz im Osten Kanadas im Atlantischen Ozean. Er ist 58 Jahre alt und hat als Fischer gearbeitet. Er hat ein besonderes Hobby. Seit 15 Jahren wirft Harold Flaschen ins Meer. Es sind Saftflaschen, mit Bildern

von Orangen oder Heidelbeeren darauf. Die mag er am liebsten, denn alle Flaschen, die er ins Meer wirft, muss er zuerst austrinken. Bis jetzt hat er 4 800 Flaschen getrunken und verschickt.

 

 

Er braucht aber noch mehr für sein Hobby, zum Beispiel 680 Rollen wasserdichtes Band, um die Flaschen so zu verkleben, dass kein Wasser hinein kommt. In jede Flasche steckt Harold einen kleinen Brief. Darauf stehen seine Adresse und die Telefon-Nummer, das Datum und ein Gruß von Harold. Er bittet die Menschen, ihm ebenfalls zu schreiben oder anzurufen, wenn sie die Flasche gefunden haben.

Der Fischer muss sehr sorgfältig sein, wenn er die Flaschen ins Meer bringt. Fünf Stunden braucht er, um am Vormittag 50 Flaschen auf die Reise zu schicken. Es muss ein starker Westwind wehen, der die Flaschen gleich weg vom Strand aufs offene Meer trägt.

Harold wechselt immer wieder den Platz, von dem aus er die Flaschen ins Meer wirft. Er wartet, bis er eine Flasche nicht mehr sieht und erst dann wirft er die nächste ins Wasser.

Harold hat bis jetzt 3000 Briefe erhalten. Junge und alte Menschen schreiben ihm. Er bekam Briefe aus Marokko, Südafrika, Russland, Guatemala und Holland und noch vielen anderen Ländern.

Manche Flaschen sind zehn oder 12 Jahre unterwegs und dann plötzlich findet sie jemand und schreibt zurück.

Die Menschen schreiben ihm ganz interessante Dinge. Oft legen sie ein Foto von sich oder von ihrem Hund in den Brief. Manchmal bekommt Harold auch eine DVD, auf der sich jemand vorstellt. Eine Frau schrieb ihm, dass ihr Mann auch Fischer war, ebenso wie ihre drei Söhne. Alle drei Söhne sind beim Fischen ertrunken.

Anton staunt. Gibt es so etwas? Aber es stand in Kanada in der Zeitung! Und dann denkt Anton, eigentlich tut der Harold das gleiche wie Boris und ich, nur geht bei ihm alles ein bisschen langsamer!

Die Geschichte von Harold H. stand auch in Deutschland am 30. Sept. 2011 in der Zeitung

Deutsch
Deutsch